Braucht autonome Politik Strategien?

Die Diskussionen um eine Analyse der momentanen gesellschaftlichen Zustände, wie sie auf dem Kongress geführt werden sollen, sollten – wie schon formuliert wurde – dazu beitragen, autonome Politikansätze und -Praktiken zu überprüfen und wo nötig zu aktualisieren oder zu verändern: Was müsste passieren, damit autonome/linksradikale Positionen nicht nur an Wahrnehmbarkeit gewinnen, sondern größere gesellschaftliche Wirkungsmacht erlangen? Vor diesem Hintergrund sollen mit dem Folgenden mögliche Perspektiven für eine Veränderung autonomer Politik angedacht werden.

Die Politik „der Autonomen“ war meist eine Politik der „ersten Person“. Das ist nicht im identitären Sinne gemeint. Unser Widerstand geht von der eigenen Wahrnehmung gesellschaftlicher Verhältnisse aus. Wir intervenieren nicht in Politikfelder „hinein“, sondern begreifen uns als Teil der Auseinandersetzung. Und das nicht zuletzt um lebenswerte Verhältnisse für uns selbst zu schaffen. So sind beispielsweise soziale Auseinandersetzungen um Arbeits- und Studienbedingungen, Hartz IV oder Gesundheitsreform auch Kämpfe für die eigenen Lebens- und Widerstandsbedingungen als Teil des Kampfes ums Ganze.

Die gesellschaftlichen Bedingungen und die darüber ausgeübten Zwänge, denen auch die „erste Person“, sprich wir selbst, unterworfen sind, haben sich jedoch verändert. Die Schwierigkeit und der Druck, das Leben und die eigene Reproduktion so zu organisieren, dass Widerstand lebbar ist, haben zugenommen. Die Frage ist nun: Werden wir diesen Veränderungen in unserer Politik gerecht? Wie kann heute eine radikale Unversöhnlichkeit mit den Verhältnissen wirkungsvollen Ausdruck finden? Wo ist unser Sprechort in gesellschaftlichen Konflikten, von dem aus wir unsere Vorstellungen gemeinsam mit anderen entwickeln? Haben wir uns mittlerweile zu sehr in unsere Nischen zurückgezogen und mit dem eisigen Draußen abgefunden? Besetzte Räume wie die Rote Flora in Hamburg sind wichtig. Sicher, Nischen können ein Testfeld dafür sein, Utopien zu leben. Sie bieten Freiräume. Aber wenn aus dem Experimentieren ein Stagnieren wird, ist das ein Zeichen dafür, dass wir mit unserem Widerstand nicht weiterkommen.

Wir denken, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bestehenden und der eigenen Rolle darin ist (nicht neu, aber) dringend nötig: Was hat mein soziales Leben mit dem der Menschen neben mir zu tun? Warum bin ich in vielen Fragen des Alttages isoliert, und wie kann die neoliberale Vereinzelung durchbrochen werden? Wie können alternative kollektive Lebens-Konzepte für viele zugänglich sein? Verbleiben unsere Utopieentwürfe nur im Rahmen des Bestehenden (z.B. Mietshäusersyndikat, Gemeinschaftseigentum, Finanzkollektive) oder können wir eine gesellschaftliche Verallgemeinerung und offensive Ausweitung über diesen Rahmen hinaus denken? Sind wir bereit, unsere eigene soziale Situation in ein Verhältnis auch zu globalen sozialen Ungerechtigkeiten zu setzen und daraus Konsequenzen zu entwickeln? Sind wir darüber hinaus generell dazu bereit, die diversen Facetten unseres eigenen Privilegiertseins anzuerkennen, zu benennen und dann auch zu bekämpfen?

Im Alltag bedeutet das konkret: Wie kann z.B. das Überleben im Alter geregelt werden, wenn staatliche Versorgung nicht vorhanden ist? Wie können wir uns (auch im Alter) mit unseren Nachbarn zusammentun und „Banden“ bilden, wie z.B. Kämpfe um Wohnraum vorantreiben? Wie können wir militante Positionen durch den Aufbau radikal bestimmter Bündnisse und durch das Einberufen von Uni-, Betriebs-, oder Stadtteil-Versammlungen verallgemeinern? Was sind überhaupt radikale Bündnisse? Und wo haben wir blinde Flecke oder gar gänzlich tote Winkel? Soziale „Alltags-Angelegenheiten“, wie z.B. im Rahmen von Hartz IV, Gesundheitsreform, Rente, Gentrifizierung sind Bereiche, in denen wir radikale Standpunkte mit anderen gemeinsam entwickeln und von und mit anderen lernen können.

Vielfach sind „die Autonomen“ heute nur eine Reproduktion von Bildern. Sie sind in der BRD als unvermeidbares Übel eingeplant. Es wird zwar nicht als schön erachtet, wenn Banken entglast werden und Autos brennen, aber stört es wirklich? Die politischen Auswirkungen über den szeneinternen Bezugskreis hinaus sind gering. Wollen wir den Laden zum Erliegen bringen? Oder will mensch den geschäftsmäßigen Ablauf des Ladens nur (hinnehmbar) stören? Wie veränderungswillig sind wir? Streben wir nach wie vor entschlossen und tatkräftig an, die Gesellschaft, aber auch uns selber zu verändern, oder haben wir uns arrangiert und verharren in unseren selbst geschaffenen, aber begrenzten Freiräumen?

Wir (die hier Diskutierenden) wollen uns mit einer offenen radikalen Politik selbstbewusst in Gesellschaft einmischen, ohne unsere Positionen zu verwässern. Aus diesen Betrachtungen heraus fragen wir: Müssen sich die Ansätze autonomer Politik verändern? Ist eine Veränderung der Politik der ersten Person notwendig, nicht insofern, dass sie nicht mehr die Politik der ersten Person sein sollte, sondern, dass sie sich auf die veränderten Bedingungen beziehen muss? Welche Perspektiven sehen wir? Welche Strategien können wir entwickeln?