Die aktuellen Aufstände und die Frage der Solidarität

Dieser vierte für den Kongress vorgesehen Themenblock hat sich recht kurzfristig während der vorbereitenden Diskussionen herauskristallisiert. Die Aufstände und Kämpfe in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, dem Jemen, um nur einige zu nennen, die in ihrem Ausmaß und ihrer Vehemenz nicht nur uns in den vergangenen Monaten überrascht haben, werfen einige Fragen auf. Fragen, die wird nicht nur spannend und wichtig finden, sondern von denen wir auch denken, dass sie gut an das Gesamtkonzept des Kongresses anschließen:
1. Zum einen kann eine Diskussion über die aktuellen Ereignisse, ihre Bedeutung und die Frage nach sinnvollen autonomen Positionen dazu die Debatte, die in Block 2 geführt werden soll, an einem Thema noch mal konkreter werden lassen. D.h., wenn wir über eventuell zu verändernde Perspektiven, Strategien und Bestimmungen autonomer Politik reden, wäre die Frage, wie inter- oder transnationale (hier fängt der Diskussionsbedarf schon an) Solidarität heute gedacht und vor allem praktiziert werden kann, ein guter Ansatzpunkt, um das an einem Aspekt zu vertiefen.
2. Zum andern geht es bei diesem Thema natürlich auch um die Frage der Analyse. Wenn in Block 1 aktuelle Herrschaftspolitik, Ideologieproduktion und gesellschaftliche Spaltungsprozesse angeschaut werden sollen, kann der Blick darauf am Thema „Aufstände in Nordafrika und andernorts“ noch einmal über den Tellerrand der bundesdeutschen Zustände hinaus erweitert werden. Die Verwerfungen und Zwistigkeiten, die beispielsweise innerhalb der EU aber auch der Nato aufgetreten sind, und die Schwierigkeiten, die diese Organisationen wie die einzelnen Regierungen haben, ihre strategischen und ökonomischen Interessen vor dem Hintergrund sich überraschend verändernder und unklarer Machtverhältnisse neu zu definieren und ihre Politik kurzfristig darauf abzustimmen, sind äußerst aufschlussreich.
3. Zuletzt ist unseres Einschätzung nach das Thema auch im Hinblick auf die Frage der Praxis diskutierenswert. Für uns zwar nur medial vermittelt und durch die eigene Unkenntnis der politischen Situation und der vorangegangenen Konflikte und Kämpfe in den genannten Ländern verzerrt wahrnehmbar, machen die Menschen dort gerade sehr konkrete Erfahrungen mit Aufstandpraktiken, der Organisation von Widerstand, dem Umgang mit Repression, der Notwendigkeit, in einer sehr dynamischen Situation mit sehr unterschiedlichen Akteur_innen Forderungen und Vorstellungen erarbeiten zu müssen, die wir nicht ignorieren sollten.

So gut sich also dieser Block in das Kongresskonzept einfügen lässt, so wenig ist er aber bis jetzt von Seiten des Vorbereitungskreises noch vorbereitet. Das soll sich bis zum Kongress zwar selbstverständlich ändern, aber für den Reader gibt es noch keinen Text, der so gut diskutiert ist, dass er als gemeinsamer Vorschlag zur Eingrenzung der Diskussionsfelder durchgehen würde. Deshalb findet ihr im Anschluss nun zwei Texte, die hoffentlich Anregung genug bieten, um für den Themenblock 4 „zu werben“.

Text 1: Was heißt heute noch Solidarität? – Die europäische Linke und die Aufstände in der arabischen Welt
Text 2: Solidarität – Wieso, weshalb, warum …