Zum Kongress für autonome Politik Köln

Zwei Monate sind seit dem Kölner Autonomen Kongress vergangen. Ganz so als hätte es ihn nie gegeben, so der Eindruck im Nachhinein. Die Sprachlosigkeit und das Nichtverhalten im Anschluss an den Kongress spiegelt die allgemeine Atmosphäre aus Köln ganz gut wieder.

Ein Rückblick auf den Kongress für autonome Politik vom 17.-19.06.11 in Köln
Damit überhaupt mal etwas geschrieben wird, haben wir uns entschlossen wenigstens unsere persönlichen Eindrücke zur Diskussion zu stellen.

Mit mehreren hundert TeilnehmerInnen (wir schätzen mal so 400-500) waren unsere Erwartungen erfüllt. Es waren alle Altersschichten präsent und die Vorbereitungsgruppe hatte bezüglich der Infrastruktur alles sehr gut vorbereitet. Die Rahmenbedingungen für einen Kongress mit spannenden Debatten im Kölner AZ waren also gegeben. Schon im Vorfeld wurde der angedachte Kongressablauf über die Website transparent gemacht und die Vorbereitungsgruppe hatte einen umfangreichen Vorbereitungsreader zur Verfügung gestellt. Vorab sei gesagt, dass wir die Atmosphäre während des Kongresses und den Umgang miteinander sehr angenehm und solidarisch fanden.

Was uns bereits die Wochen und Tage vor dem Kongress negativ auffiel, war die geringe Anzahl an inhaltlichen Beiträgen die zur Diskussion gestellt wurden. Der Eindruck, dass es nur noch wenige autonome Zusammenhägen gibt, die ihren theoretischen Output zur Diskussion stellen, wurde während und nach dem Kongress bestätigt. Zwar gab es den erwähnten Reader der Vorbereitungsgruppe, wirklich Neues war dort aber nicht zu finden. Auch der „linken Presse“ war der Kongress bzw. eine Kongressankündigung keine Erwähnung wert.

Changing Realities, so der vielversprechende Titel für das Kölner Wochenende. Aufgeteilt in die vier Themenblöcke
1. Momentane Zustände – Braucht autonome Politik Analyse?
2. Die Zustände in Bewegung bringen – Braucht autonome Politik Strategien?
3. Wir stehen dazu – Militanz
4. Mehr als nur zusehen – Die aktuellen Aufstände und die Frage der Solidarität
war ein inhaltlicher Leitfaden geboten, entlang diesem diskutiert werden sollte. Die Behandlung der einzelnen Themenblöcke lief immer nach gleichem Schema. Die Vorbereitungsgruppe erläuterte im Gesamtplenum ihre Thesen zum jeweiligen Block (diese waren schon im Reader zu lesen und lagen auch in gedruckter Form im AZ aus), danach gab es die Möglichkeit hierzu Stellung zu nehmen und Ergänzungen oder sonstige Statements abzugeben. Die eigentliche Debatte lief dann aufgeteilt in Kleingruppen in verschiedenen Räumen. Als Diskussionsdauer wurde eine Stunde eingeräumt, was sich als viel zu knapp bemessen erwies. Danach sollten die Ergebnisse der Kleingruppen im Großplenum vor- und zur Diskussion gestellt werden.

Schon so manche Kleingruppe war so groß (teilweise bis zu 80 Leute), dass eine tiefergehende Diskussion nicht möglich war. Einzelne, gut vorbereitete Personen, ergriffen das Wort während ein Großteil stillschweigend den Stellungnahmen lauschte. Auch die knapp bemessene Zeit verhinderte einen Austausch den es für den Umfang der Themenpalette bedurft hätte. Das Zusammentragen der Gruppenergebnisse im Großplenum bot zwar informative Gesprächszusammenfassungen, bewies aber auch, dass in den anderen Gruppen die inhaltlichen Debatten auf Grund der geschilderten Bedingungen nur oberflächlich möglich waren. Konkrete Ergebnisse oder Grundlagen für weitere Debatten wurden nicht präsentiert. Dies dürfte mit Ausschlaggebend gewesen sein, dass auch im Großplenum keine fruchtbare Diskussion zu Stande kam – falls dies bei einer solchen Personenanzahl überhaupt möglich ist.

Ob die Raumkapazität des AZ an ihre Grenzen gestoßen war, wissen wir nicht. Eine weitere Aufteilung der Kleingruppen auf zusätzliche Räume wäre aber förderlich gewesen. Für zukünftige Kongresse sollte dies im Hinterkopf behalten werden, da nur wenige Zentren die räumlichen Voraussetzungen für einen Kongress dieser Größe bieten.

Prägend für den gesamten Kongress war die Überbreite der vorgeschlagenen Themengebiete. Unter den gegebenen Umständen und Zeitfenstern war es schlicht nicht möglich die Themen inhaltlich zu diskutieren und konkrete Ergebnisse zu erarbeiten. Vielmehr hätte wohl jedes Thema ein eigenes Kongresswochenende füllen können.

Wir hatten unsere Gruppe so aufgeteilt, dass wir parallel an verschiedenen Diskussionsrunden teilnahmen. Auffallend war, dass keine/r von uns den Eindruck hatte, dass es während der Diskussionen zu einem roten Faden kam. Vielmehr wurden Meinungen in den Raum gestellt, teils kurz darauf Bezug genommen und dann schon wieder zum nächsten Diskussionspunkt übergegangen. Die einstündigen Diskussionen verliefen so, unserer Meinung nach, ergebnislos. Zudem gab es Unstimmigkeiten über Begrifflichkeiten aus autonomer Theorie und Praxis. Besonders auffallend war dies beim Thema Militanz. Dazu aber später mehr. Erschwerend hinzu kam der Zeitdruck innerhalb der Kleingruppen. Sobald sich endlich eine Diskussion abzeichnete, wurde diese mit Hinweis auf das Treffen im Großplenum abgewürgt.

Wie bereits dargestellt waren die Umstände nicht die Besten um fruchtbare Debatten führen zu können. Was sich aber als das, unserer Meinung nach, größte Problem herausstellte war, dass sich viele TeilnehmerInnen inhaltlich nicht wirklich auf den Kongress vorbereitet hatten. Hätten sich mehr Leute die Mühe gemacht, den Vorbereitungsreader zu lesen und an Hand der von der Vorbereitungsgruppe ausgegeben Thesen zu diskutieren, wäre der Kongress im Wesentlichen weitaus effektiver gelaufen. So ergab sich permanent das Problem, dass Diskussionsbeiträge weit ab vom eigentlichen Thema eingeworfen wurden. Sehr ärgerlich für die, welche eine Menge Zeit in die Zusammenstellung des Readers gesteckt haben, aber auch ärgerlich für die, die sich inhaltlich im Vorfeld des Kongresses mit den Themen ausgiebig auseinandergesetzt haben. Denn so wie die Diskussionen letzten Endes liefen, wäre eine Vorbereitung nicht nötig gewesen. Denn irgendwie mitlabern konnte so jede/r.

Nicht anders sah es bei der Zusammenfassung der Kleingruppenergebnisse im Großplenum aus. Dort wurden lediglich kurze Protokolle der jeweiligen Gruppen verlesen. Eine Bezugnahme aufeinander erfolgte nicht, stattdessen wurde nach ein paar Wortmeldungen die „Debatte“ für beendet erklärt – meist mit dem Hinweis auf vorhandenen Zeitdruck.

Veranschaulichen möchten wir unsere Kritik am Beispiel des Themenblocks „Militanz – wir stehen dazu“.

Der Block „Militanz“ wurde unserer Meinung nach im Vorfeld u.a. schon durch die Themenbeschreibung (Militanz – Wir stehen dazu) etwas gehypt. Wir sind Autonome – Autonome sind militant – wir stehen dazu. Ein Auszug aus dem Vorbereitungsreader:

„Wir wünschen uns die Wiedererlangung einer militanten Selbstverständlichkeit – im alltäglichen Widerstand und auch in unseren Diskussionen. Eine selbstbewusste Normalisierung und verbreiterte Einübung und Ausübung von emanzipativer Militanz.“

Von der genannten Selbstverständlichkeit sind wir jedoch weitentfernt. Nach mehr als 30 Jahren autonomer Politik scheint Militanz nach wie vor ein Begriff zu sein, der so unterschiedlich definiert und verwendet wird, dass eine Debatte über praktische (!) Militanz in zusammengewürfelten Gruppen, sich nicht bekannter Menschen, unmöglich erscheint. Wenige Tage vor Start des Kongresses gab die Vorbereitungsgruppe noch Empfehlungen und Tipps für die öffentliche Diskussion des Themas. Diese schienen für Leute gedacht, die sich im öffentlichen Raum über klandestine, militante Politik unterhalten wollen, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein sich in verfängliche Situationen zu reden. Doch das damit angesprochene Publikum war scheinbar nicht vor Ort. Es gab weder eine Bezugnahme zur laufenden Militanz-Debatte, noch zur vorangegangenen. Viel mehr wurden Ausweichdebatten geführt: statt über militante Praxis, Probleme bei der Durchführung militanter Aktionen, Auswirkungen und Repression zu diskutieren, wurde eher darüber gesprochen was Militanz sei und was nicht. Während im einen Moment über Sinn und Unsinn des Flambierens von Nobelkarossen diskutiert wurde, folgte im nächsten ein Beitrag über das militante Potential des Vokü-Kochens. Warum wird der Militanz-Begriff so verwässert? Warum will sich jede/r mit dem Label „militant“ schmücken? Was hat die Frage „Ist noch genug Gas in der Flasche um die Kartoffeln zu kochen?“ mit der Frage, ob Gasaki-Anschläge Unbeteiligte unnötig in Gefahr bringen, zu tun?

Auch hier wurde wieder nicht entlang der Kongressthesen diskutiert, sondern es wurde viel mehr ins Blaue geredet, ohne das wohl eine/r der Beteiligten irgendeinen Nutzen daraus ziehen konnte. Nicht anders sah es im Anschluss im Großplenum aus. Nach verlesen der Gruppenprotokolle war klar, dass es auch in anderen Gruppen ähnlich lief. Natürlich wurde auch bei diesem Themenblock die Diskussion in der Kleingruppe, wie auch im Großplenum mit dem Blick auf die Uhr für beendet erklärt.

Diejenigen die bereits militante Aktionsformen praktizieren, werden dies wohl auch weiterhin tun. Diejenigen die mit sich selbst hadern und sich noch in einem Findungsprozess zwischen Sinn und Unsinn militanter Praxis befinden, werden durch den Kongress wohl keinen Push bekommen haben sich in militante Diskussionen einzubringen bzw. ihre Aktionsformen dahingehend zu ändern. Der gesteckte Anspruch muss leider als verfehlt gewertet werden.

Da wir bereits Samstagabend abreisten, können wir nichts über den Ausgang bzw. die Zusammenfassung des Kongress am Sonntag schreiben. In Anbetracht der Umstände gehen wir nicht davon aus, dass es noch zu einem produktiven Ergebnis kam. Mit Spannung erwarten wir die Nachbereitung des Vorbereitungskreises und weitere Einschätzungen von teilnehmenden Menschen. Bis dahin muss sich der oder die Interessierte wohl mit unserer zufriedengeben.

Folgende Eindrücke nehmen wir aus Köln mit:

Es ist beachtlich, dass sich nach wie vor relativ viele Leute für autonome Politik interessieren bzw. sich mit dem Label „Autonome“ identifizieren können. Es ist leider keine Selbstverständlichkeit, dass sich hunderte auf den Weg machen um ein Wochenende gemeinsam zu diskutieren, ohne das praktische Actions in Aussicht stehen.

Welche Ambitionen jedoch bei TeilnehmerInnen vorherrschen, völlig unvorbereitet eine solche Veranstaltung zu besuchen, hinterlässt bei uns Fragezeichen.

Unserer Meinung nach lässt es sich derzeit nicht von einer autonomen Bewegung sprechen. Vielmehr gibt es ein diffuses Sammelsurium an Leuten die sich als undogmatisch, radikal Links, anarchistisch/kommunistisch etc. verstehen.

Gemeinsame Ziele bzw. Strategien sind kaum vorhanden. Offensichtlich gibt es weniger gemeinsame Grundlagen als der Eindruck oft vermittelt. Vielmehr orientiert sich Theorie und Praxis an Begriffen wie „Emanzipation“, „herrschaftsfrei“, „Widerstand“, „Militanz“. In diesen Punkten auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, wäre unserer Meinung nach, das Ziel eines solchen Kongresses gewesen.

Auch ist uns unklar wieso es während des Kongress keinerlei Bezugnahme auf den Autonomen-Kongress in Hamburg 2009 gab. Sollte der Kongress in Köln nicht irgendwo darauf aufbauen bzw. eine Weiterführung darstellen? Falls ja, muss davon ausgegangen werden, dass auch in Hamburg nichts Wirkliches rumkam (Wir waren nicht dort).

Bezeichnend finden wir auch, dass wir noch keinerlei Nachbetrachtungen oder Einschätzungen zu Köln finden konnten. Dass nicht mal auf indymedia ein Artikel platziert wurde, oder sich in der Blogsphäre das Maul zerrissen wird, zeigt auf, dass der Kongress wohl so einige sprachlos werden ließ. Sehr schade!

Insgesamt lässt sich der Kongress wohl als repräsentatives Abbild des derzeitigen Szenezustands betrachten. Dass die beiden linksradikalen Bündnisse mit autonomen Background „…ums Ganze!“ und „interventionistische Linke“ weder vor noch während des Wochenendes in Köln Bezug auf den Kongress nahmen bzw. für diesen warben, zeigt, dass es ein Spektrum gibt, das auf die klassischen Formen autonomer Politik zurückgreifen möchte. Ausgerichtet auf informelle Vernetzung und ohne feste Organisierung. Dass es unter diesem Umständen mehr als schwierig ist, gemeinsame politische Grundlagen zu erarbeiten und emanzipatorische Perspektiven zu entwickeln wurde deutlich.

Wollen wir aber weiterhin darauf aufbauend arbeiten, müssen Wege gefunden werden, wie wir gemeinsame Basics erarbeiten, auf die wir gemeinsam Bezug nehmen können um unsere Standpunkte praktisch und theoretisch weiter zu entwickeln. Denn ohne eine intensivere Debatte über Strategie und Perspektive autonomer Politik ist wohl auch in Zukunft nicht viel zu holen. Ein weiteres Problem, wenn auch kein unbekanntes, scheint uns die mangelnde Nachwuchsarbeit/Wissensweitergabe durch ältere Genossinnen zu sein. Wir haben den Eindruck, dass viele junge Autonome versuchen, „die Alten“ nachzumachen, jedoch die Zeit der 1980er/90er durch die rosa Brille betrachten und keine Schlüsse aus dem Scheitern der damaligen Bewegungen ziehen (können).

Falls ein weiterer Kongress folgen sollte – was wir hoffen – wäre es sicher sinnvoll sich auf nur ein Thema zu beschränken, das dann auch die Möglichkeit bietet sich im Rahmen eines Wochenendes angemessen diskutieren zu lassen.

Lieber nochmal einen Schritt zurück machen und eine Analyse der momentanen Gegebenheiten nachholen. Darauf aufbauend (!) ließe sich bestimmt gewinnbringender arbeiten.

Zum Abschluss noch ein Danke an die Vorbereitungsgruppe die sicherlich viel Zeit und Arbeit in die Vorbereitung und Durchführung des Kongresses gesteckt hat! Wir hoffen, dass unsere Kritik so ankommt wie sie gedacht ist: Solidarisch und in der Hoffnung das weitere, ergiebigere Kongresse folgen!

Ein paar Autonome aus Rhein-Main